PROGRAMM

In insgesamt acht Kongress-Beiträgen beleuchten wir das Phänomen UNDERACHIEVEMENT aus der Sicht von Wissenschaft und Praxis.

Neben den Vorträgen im ZOOM-Plenum werden Sie Gelegenheit haben, über die Kongress-Landschaft Gather.Town zu schlendern, alte Bekannte wieder zu sehen und im fluiden Video-Chat in den Austausch zu gehen. An Kongress-Ständen und Postern werden darüber hinaus gelingende Förderansätze und Best-Practice-Beispiele im Bereich des Underachievements vorgestellt.

Die Vorträge selbst finden in einem ZOOM-Plenum statt, welches nahtlos von der Kongress-Plattform erreichbar ist. Wer lediglich die Vorträge hören möchte, kann sich auch auf direktem Weg in das ZOOM-Plenum einwählen.

Grafik: Event illustrations by Storyset

Kongressablauf

Das Kongressprogramm und der zeitliche Ablauf wurden so gestaltet, dass die Teilnehmer neben den fachlichen Vorträgen auch viele Möglichkeiten haben, auf der Kongressplattform Gather.Town ins Gespräch zu kommen und sich zu einzelnen Themen weitergehend zu informieren. Die finale Programmplanung wird rechtzeitig vor Anmeldebeginn bekannt gegeben.

Samstag, 26.11.2022
VORMITTAG

ab 8:00 Uhr  Ankommen und
Zurechtfinden in der Kongresslandschaft

10:00 Uhr  Eröffnung (ZOOM-Plenum)

10:15 Uhr  Vorträge (ZOOM-Plenum)

11:20 Uhr  Pause & Gespräche

11:35 Uhr  Vorträge (ZOOM-Plenum)

12:40 Uhr  Mittagspause bis 13:40 Uhr

Samstag, 26.11.2022
NACHMITTAG

13:40 Uhr  Vorträge (ZOOM-Plenum)

14:45 Uhr  Pause & Gespräche

15:00 Uhr  Vorträge (ZOOM-Plenum)

16:10 Uhr  Verabschiedung & Danksagung

bis ca. 18 Uhr  bleibt die Kongresslandschaft geöffnet
für Gespräche und den individuellen Austausch

Begabungsforschung, Bildungsgerechtigkeit und Underachievement 

Prof. Dr. Albert Ziegler, Universität Erlangen-Nürnberg

Bildungsgerechtigkeit ist ein hohes Gut, das vor etwa 15 Jahren zu einem der am intensivsten untersuchten Teilgebiete der Begabungsforschung avancierte.  Sogenannte Gerechtigkeitslücken liegen nämlich dann vor, wenn zwei (oder mehr) eigentlich gleich begabte Teilgruppen ihre Anlagen verschieden gut entwickeln können. 
Gerechtigkeitslücken wurden zwischen vielen Teilgruppen festgestellt – beispielsweise zwischen den Geschlechtern, Personen unterschiedlicher sozialer Herkunft oder Angehörigen verschiedener Ethnien. Sie bilden soziostrukturelle Ursachen eines Underachievements Begabter. Diese neuen Erkenntnisse ergänzen die ältere Befundlage zu Ursachen von Underachievement, die hauptsächlich in der Person der Begabten verortet wurden. Zu ihnen zählen beispielsweise eine niedrige Motivation und ein geringes Selbstvertrauen. 
Seit einigen Jahren wird jedoch mit wachsender Eindringlichkeit die Frage aufgeworfen, inwieweit diese individuellen Ursachen nicht auch selbst Folge von soziostrukturellen Benachteiligungen sind. Ein Beispiel ist das Underachievement von Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Gab man sich lange Zeit mit individuellen Erklärungen wie geringeren Interessen und Motivationen etc. zufrieden, versteht man deren Ursprünge immer besser. Beispielsweise zeigen Studien, dass in westlichen Ländern Attribute wie Brillanz, Begabung und auch Kreativität nicht nur in den MINT-Fächern stärker mit dem männlichen Geschlecht assoziiert werden. Je mehr jedoch Mädchen solchen Stereotypen exponiert sind, desto ausgeprägter ist das bei ihnen festgestellte Underachievement.
Im Vortrag wird zunächst ein Überblick über soziostrukturelle, individuelle und weitere Ursachenklassen von Underachievement und deren Zusammenwirken gegeben. Obwohl bei allen Underachiever:innen individuelle Konstellationen vorliegen, gelang es der Forschung, interessante pädagogische Folgerungen abzuleiten. Deren Besprechung bildet die Basis für den praxisorientierten Teil des Vortrags, in dem ausgeführt wird, inwieweit bei Prävention und Intervention diese Ursachenklassen unterschiedlicher Förderansätze bedürfen.

Ohne Risiko kein Erfolg. Wie Perfektionismus, der zu Underachievement führt, überwunden werden kann.

Joëlle Huser, Autorin, Beratungspraxis in der Schweiz

Hochbegabung, Hochsensibilität und Perfektionismus treten häufig zusammen auf. Doch führt der ungesunde Perfektionismus oft zu überhöhten Erwartungen, „Aufschieberitis“ oder lähmender Angst zu versagen. Seit vielen Jahren gebe ich Kurse für kluge Kinder und Erwachsene, die lernen wollen, ihren Perfektionismus zu zähmen, damit sie ihr Potenzial besser entfalten können.

In diesem Beitrag zeige ich erprobte Wege auf, wie die Angst vor Fehlern überwunden werden und mehr Lern – und Lebensfreude aufkommen kann. Sie werden durch konkrete Übungen selbst erleben, wie folgende Wege zu mehr Gelassenheit führen können:
- Ungesunde Gedanken entkräften und gesunde Gedanken pflegen
- Ängste reduzieren
- nach dem dynamisches Selbstbild (von Carol Dweck) loben
- den Risikotag in der Familie einführen

Achtung: Es könnte sein, dass Sie nach diesem interaktiven Beitrag gelassener mit sich und ihren Mitmenschen werden.

Did you see it or did you just look? On signs of underachievement in assessments

Sven Mathijssen, Radboud Universität, Niederlande

In current western societies, people are frequently assessed throughout their lives. It starts at children’s health care centers and continues in schools, careers and even later (private) life. Assessments give insight in someone’s levels of competence in different domains – or at least they should do so. Then how can it be that specific talents of individuals are not always expressed in (academic) achievements? Are we professionals in education and psychology able to see what a test apparently does not? And if so, then what do we need to look out for when assessing someone’s skills and knowledge? 
This presentation will discuss possible signs of underachievement in assessment. The goal is to inspire you to look beyond achievement expressed in scores, by paying attention to scoring patterns and behavior, in order to identify and meet the talents and needs of the individuals you work with. 

** Bitte beachten Sie, dass dieser Vortrag auf Englisch gehalten wird. Im Folgenden lesen Sie den Abstract in deutscher Sprache:

In aktuellen westlichen Gesellschaften werden Menschen häufig ihr ganzes Leben lang beurteilt. Das fängt bei den Kindertagesstätten an und setzt sich in Schule, Beruf und auch im späteren (Privat-)Leben fort. Assessments geben Aufschluss über das Kompetenzniveau einer Person in verschiedenen Bereichen – oder das sollten sie zumindest tun. Wie kann es dann sein, dass sich spezifische Begabungen Einzelner nicht immer in (akademischen) Leistungen ausdrücken? Können wir Pädagogen und Psychologen sehen, was ein Test scheinbar nicht sieht? Und wenn ja, worauf müssen wir bei der Beurteilung von Fähigkeiten und Kenntnissen achten? 
In dieser Präsentation werden mögliche Anzeichen von Underachievement bei der Bewertung erörtert. Ziel ist es, Sie dazu zu inspirieren, über die in Punktzahlen ausgedrückte Leistung hinauszublicken, indem Sie auf Bewertungsmuster und Verhaltensweisen achten, um die Talente und Bedürfnisse der Personen, mit denen Sie zusammenarbeiten, zu identifizieren und zu erfordern.
 

Ehrenamtliche Unterstützung bei Underachievement

Anita Schimmel, Sonja Kaesen, Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. (DGhK Bayern)

Längere Phasen von Underachievement können für Familien extrem belastend sein. Nicht selten bestimmen die Schulprobleme den gesamten Tagesablauf und das gesamte Denken aller Familienmitglieder. Bewusste, entspannende Familienaktivitäten werden oftmals zu Gunsten des Lernens gestrichen. Viele Eltern fragen sich: „Haben wir etwas in unserer Erziehung falsch gemacht?“ oder „Sollen wir mehr Druck auf die Kinder ausüben oder ist unser Druck genau an dieser Situation Schuld?“ Kinder werden zunehmend verunsichert und verlieren an Selbstvertrauen, da sich ihre Schulleistungen in einer Abwärtsspirale befinden. Und auch Geschwister leiden, da sich die Gedanken beider Elternteile nur noch um den Underachiever und Schule drehen. 
Der Vortrag zeigt auf, wie ein ehrenamtlicher Verein in dieser Situation Familien unterstützen, ihren Zusammenhalt stärken und zu einer merklichen Entspannung der Lage beitragen kann.

Anita Schimmel (2. Vorsitzende, Bayern) und Sonja Kaesen (Erstberatung, Bayern) der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. möchten Ihnen diese Möglichkeiten vorstellen und die Vorteile einer derartigen Unterstützung aus Sicht der Familienmitglieder beleuchten. Der Vortrag wird begleitet von einem „Betroffenen“, der seine damalige Situation und die Unterstützung der DGhK beim Weg aus dem Underachievement beschreibt.

Minderleister: Nicht leisten wollen oder nicht leisten können? 
Eine pädagogische Betrachtungsweise

Ulrike Kempter, Pädagogische Hochschule Oberösterreich 

Neben der Identifikation und Analyse des Phänomens Underachievement bleibt vor allem die Frage, wie Pädagogen und Pädagoginnen auf eine offenbare Diskrepanz zwischen schulischer Leistung und den Fähigkeiten von Begabten reagieren bzw. agieren können. 
Ist es etwa das System Schule, das erst die Minderleistung produziert oder sind es die Leistungsansprüche von Seiten der Umgebung von begabten Minderleistern? Braucht es mehr Angebote (Enrichment) oder höhere Leistungsanforderungen, um frühzeitig einer Abwärtsspirale zu begegnen? Oder wird einfach der Fokus bei der „Identifikation“ von Underachievement zu sehr auf die akademische Leistung gelegt und dabei übersehen, dass hohe Leistungsbereitschaft in nicht-akademischen Bereichen sehr wohl vorliegt? Wie sehen begabte Minderleister selbst ihre Situation? Ist Underachievement für sie eine notwendige Durchgangsphase, um ihr Potential gegenüber Leistungsansprüchen von außen durchsetzen zu können?  Welche Voraussetzungen sollten Underachiever mitbringen, damit Pädagogen und Pädagoginnen erfolgreich intervenieren können?
Eine generelle Antwort auf diese umfassenden Fragestellungen wird es nicht geben, sind doch die Formen und Ursachen von Underachievement so individuell wie die begabten Menschen selbst. Und doch sind Pädagogen und Pädagoginnen potentielle Meilensteine auf dem Weg aus einer für Begabte wie deren Umgebung oft schwer erträglichen Situation.

Anhand von Beispielen aus Beratungssituationen innerhalb von Schule (in heterogenen Unterrichtssettings) und konkreten pädagogischen und didaktischen Interventionen soll der Vortrag Pädagoginnen und Pädagogen Mut machen, ihre Potentiale zugunsten von begabten Underachievern einzusetzen.

Aus Underachievementkonstellationen ausbrechen – 
Ziele und Lösungen im Gespräch finden 

Florian Schmid, Österreichisches Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) 

Begabungen fördern heißt, individuell auf ein Kind einzugehen und − ausgehend von seinen Stärken und Möglichkeiten – für das jeweilige Kind passende Fördermaßnahmen zu finden. Als Unterstützung für Lehrpersonen und Beratungsfachkräfte in dieser individuellen Begabungsbegleitung hat das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) an der Pädagogischen Hochschule Salzburg das multidimensionale Begabungs-Entwicklungs-Tool (mBET) entwickelt. Es ist für die Förderung von begabten Schüler:innen der 2. bis 6. Schulstufe konzipiert.

Im mBET werden systematisierte Beobachtungen (mithilfe von Beobachtungsbögen für Eltern und Lehrer:innen und Selbsteinschätzungsbögen für Schüler:innen) mit lösungsfokussierten Fördergesprächen kombiniert. Im Fördergespräch entwickeln Lehrpersonen gemeinsam mit Eltern und Kind individuell angepasste Angebote zur Begabungsförderung. 

Ziel des mBET-Prozesses ist die Begleitung des individuellen Lernprozesses eines Kindes sowohl in Schule als auch im privaten Umfeld. Im Förderprozess liegt der Fokus ausschließlich auf den Stärken, Interessen und Begabungen eines Kindes in den unterschiedlichen Domänen. Diese Fokussierung kann im Zusammenhang mit Underachievement zum einen entlastend wirken und zum anderen kann die Förderung der Stärken, Interessen und Begabungen in weiterer Folge zu einer deutlichen Entschärfung der Underachievementsituation führen. Insbesondere in festgefahrenen Situationen in denen der Blick sehr stark auf (vermeintliche) Probleme gerichtet ist, ist die Verschiebung des Blicks auf die eigenen Stärken, Interessen und Begabungen und die eigenen förderlichen Lernumwelten der erste und wichtigste Schritt, um aus einer Problemspirale auszubrechen. 

Im Vortrag werden Aufbau und Hintergrund des mBET-Tools vorgestellt und ein erster Einblick in Fragebögen, Gesprächsführung und Förderplanung gegeben. Im Plenum werden die Möglichkeiten der Anwendung des Tools insbesondere in Underachievementkonstellationen besprochen.

Mit Underachievern auf dem langen Weg zurück zur Leistung

Inga Liebert-Cop, Internationales Centrum für Begabungsforschung (ICBF) 

„Haben Sie einen Tipp, damit aus meinem Underachiever wieder ein guter Schüler wird?“
Selten wird es diese Wandlung schnell und einfach geben. Welche Zeit muss man für Veränderungen einplanen? Welche Begleitung braucht ein Underachiever? Welche Persönlichkeitsfaktoren gilt es zu stärken bei Kindern, Eltern und Begleitern? Wo muss die Umwelt sich ändern?
Zunächst prüfen wir mit Hilfe eines Diagnoseschemas die Bereiche, die eine Blockierung verursachen und die Bereiche, die als Ressource genutzt werden können; denn eine gute Analyse der Möglichkeiten und Grenzen ist wesentlich um den Weg aus dem Underachievement zu planen. Die machbaren und die wichtigsten Punkte werden zunächst umgesetzt. Der Prozess wird in kleine Schritte operationalisiert. Die Erfolge werden gewürdigt. Bei Rückschlägen muss erneut gestartet werden. Bei allen Persönlichkeitsveränderungen ist die Entscheidung und die Aktivität des Betroffenen, d.h. des Underachievers wesentlich, um die Selbstwirksamkeit zu stärken und zunehmend das Selbstvertrauen. Bei allen Umweltveränderungen können Eltern und Begleiter helfend intervenieren. 
Wege aus dem Underachievement sind sehr individuell und brauchen eine gute Begleitung. Der Beitrag gibt Bericht und Beispiele aus der Praxis.

Raus aus dem Underachievement durch Lernbegleitung – Best practice-Beispiele vom Comenius-Gymnasium Deggendorf

Iris Herman, Stephanie Oppolzer, Susanne Sikora und Birgit Paster, Comenius Gymnasium Deggendorf

In ihrem Vortrag stellen die Referentinnen das Konzept der Förderklassen für besonders begabte und hochbegabte Schülerinnen und Schüler (= Begabtenklassen) des Comenius-Gymnasiums Deggendorf vor. 

Insbesondere gehen sie dabei auf die Coachingangebote der Schule, welche sie dort in den vergangenen sechs Jahren im Sinne der personorientierten Begabtenförderung aufgebaut haben, ein. Für die Referentinnen steht fest, dass Lerncoaching eine besonders gewinnbringende Maßnahme zur Unterstützung von Underachievern ist. Anhand von anonymisierten Beispielen zeigen sie verschiedene Möglichkeiten auf, wie sie SchülerInnen im Problemfeld Underachievement als Schule erfolgreich begleitet haben.

Ausgehend von ihren Praxiserfahrungen gehen sie dabei auf Gelingensbedingungen und Stolpersteine ein und freuen sich auf einen regen Austausch mit den KongressteilnehmerInnen.

© Münchner Zirkel Hochbegabung e.V.. Alle Rechte vorbehalten.